Gay Power in Biel PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 01. November 2012 um 13:51 Uhr

In Biel geschah das Unfassbare. Neu sind drei Gays im fünfköpfigen Gemeinderat vertreten. Wie sich diese Minderheiten-Mehrheit in der Exekutive für Schwule und Lesben einsetzen wird, erklären die drei Politiker im DISPLAY-Interview. Text Peter Wach Bilder Olivier Sauter «Wir müssen zeigen, dass wir Homosexualität als gleichwertige Lebensform definieren und sich alle daran zu halten haben» Barbara Schwickert, GP «Man versuchte mich aus der Partei auszuschliessen. Doch diese Leute sind nicht mehr in der SVP» Beat Feurer, SVP Barbara Schwickert, 48, von den Grünen, Beat Feurer, 52, von der SVP sowie der Sozialdemokrat Cedric Nemitz, 44, sind Mitglieder der Gay-Community in der neu gewählten Bieter Stadtregierung. «Es ist ein schöner Zufall, der aber auch viel mit der Offenheit der Stadtbevölkerung zu tun hat», sagt der künftige Gemeinderat Cedric Nemitz zu seiner Wahl ins fünf köpf ige Gremium, und Beat Feurer ist «mächtig stolz», dass ihn seine Partei, die SVP Biel, als Kandidat für den Gemeinderat aufgestellt hat.


Barbara Schwickert von den Grünen ist seit vier Jahren im Amt und schaffte am 23. September die Wiederwahl. Somit wurde wahr, wovon viele nicht gewagt haben zu träumen: Eine gesellschaftliche Minderheit bildet die Mehrheit in einer Exekutive. Das ist einzigartig für die Schweiz und für Europa! Und das hat viel damit zu tun, dass die zwei Politiker und die Politikerin kein grosses Tamtam um die sexuelle Ausrichtung gemacht haben, weder im privaten Leben, noch im Wahlkampf. «Es war kein Thema, weil wir offen damit umgehen», sagen denn auch die beiden neuen Gemeinderäte Nemitz und Feurer. DISPLAY wollte von allen Dreien wissen, wie sie in der Exekutive einer Stadtregierung schwullesbische Anliegen angehen werden, DISPLAY: Was sagt Ihr dazu, dass mit Euch nun drei Gay People im Bieter Gemeinderat vertreten sind? Schwickert: Das finde ich toll, auch wenn es sich um einen Zufall handelt. Unsere Wahl zeigt, dass die Bieler Bevölkerung unsere Lebensform akzeptiert.


Feurer: Dass gleich die Mehrheit der Bieler Regierungsvertreter offen zu ihrer gleichgeschlechtlichen Identität steht, ist einmalig. Das freut mich natürlich ausserordentlich, denn es ist ein starkes Zeichen für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von homosexuellen Frauen und Männern. N6mitz: Ich lebe in einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Das Schöne ist, dass unsere Minderheit nicht nur von links, sondern auch vom bürgerlichen Lager vertreten ist. Und die Tatsache, dass unsere sexuelle Identität in Biel keine grosse Diskussion auslöst, freut mich besonders! Was muss hinsichtlich Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen noch getan werden? Schwickert: Wenn alle ihre Homosexualität offen leben, wie dies bei uns Dreien der Fall ist, dann wären wir schon weit. In meinem Umfeld stelle ich eine grosse Offenheit fest.

Handlungsbedarf sehe ich vor allem in gewissen religiösen Kreisen und in der Schule. Feurer: Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es der LGBT-Community sehr gut geht. Aber Wachsamkeit ist wichtig. Zu schnell kann das Erreichte verloren gehen! Gleichzeitig möchte ich aber auch uns selber den Spiegel vorhalten. Toleranz einzufordern ist das eine, sie zu leben das andere. Mir persönlich sind auch schon ausserordentlich intolerante Menschen aus dem Gay-Lager begegnet, Nemitz: Die Sexualität in ihrer Vielfältigkeit muss so früh wie möglich in der Schule ein Thema sein.

Man hat damit zwar bereits begonnen, aber man muss den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen. Weiteren Handlungsbedarf sehe ich im Adoptionsrecht von Schwulen und Lesben. Für mich wäre «Hochzeit für alle» die einfachste und beste Lösung. Gays sollten dann aber auch nach allen Seiten offen, sprich «geoutet» sein. Braucht es stärkeren Schutz, damit Gays nicht angepöbelt werden? Schwickert: Es ist wichtig, dass unsere Gesellschaft ganz klar zu unserer sexuellen Orientierung steht, Das ist der beste Garant, dass solche Vorfälle nicht, respektive selten geschehen. Mehr Polizei kann aber nicht die Lösung sein, Feurer: Es kann sein, dass dies künftig notwendig sein wird.

Aber Polizeischutz ist keine wirkliche Alternative. Es liegt an uns und unserer Gesellschaft, mit Klarheit und Konsequenz von allen Toleranz einzufordern, sowohl von Einheimischen als auch von Ausländern! Leider geht zurzeit ein überpropor-«Für Intoleranz gilt Null-Toleranz!» Cedric Nemitz tionaler Anteil der Gewalt von einer bestimmten Gruppe von Ausländern aus. Nömitz: Die Fortschritte einer Gesellschaft, gerade bezüglich Minderheiten, sind nicht in Marmor gemeisselt. «Rester attentif », aufmerksam bleiben! Die Freiheit, so sein zu können, wie man ist, muss strikt verteidigt werden. Für Intoleranz gilt Null-Toleranz! In Biel befindet sich auch der ultrakonservative Islamische Zentralrat. Inwiefern sind solche Gruppierungen, die Homosexualität als Krankheit definieren, ernst zu nehmen? Schwickert: Diese und ähnliche Gruppierungen sind ernst zu nehmen, Es ist ihnen aber auch zu zeigen, dass wir hier Homosexualität als gleichwertige Lebensform definieren und sich alle daran zu halten haben.

Unsere Errungenschaften in Bezug auf eine offene, tolerante Gesellschaft sind nicht verhandelbar. Feurer: Das ist sehr ernst zu nehmen, Wenn man sich heute zurücklehnt und meint, Homosexuelle hätten ja fast alles erreicht, wird man morgen plötzlich vor einer veränderten Welt stehen, die uns nicht wohlgesinnt ist. Nemitz: Man muss Leute ernst nehmen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die sexuelle Freiheit zu beschneiden, Dazu gehören auch Mitglieder aus Sekten oder evangelikalen Gruppierungen, «Die Sexualität in ihrer Vielfalt muss so früh wie möglich in der Schule ein Thema sein» Cedric Nemitz, SP In welchen Gruppen gibt es noch Vorbehalte gegenüber sexuellen Minderheiten, und wo muss man ansetzen? Schwickert: Teilweise in religiösen Kreisen. Doch als die Pride vor ein paar Jahren in Biel stattfand, wurde diese sogar von den lokalen EDU-Vertretern unterstützt, Biel ist diesbezüglich ein gutes Pflaster, Feurer: Ich selber habe starke Wurzeln zu einem eher fundamental-evangelikalen christlichen Milieu. Dort galten Homosexuelle bis in die 70er Jahre als Sünder, heute spricht man von Kranken, die sich verändern könnten. Hier spielen Medien eine wichtige Rolle, indem sie diese festgefahrenen Theorien aufnehmen und thematisieren.

Das hilft auch Anhängern solcher Lehren, sich von den einengenden und krankmachenden Gruppenzwängen zu lösen, Nömitz: Im Sport oder in den bereits erwähnten extrem ausgerichteten religiösen Gruppen. Ansonsten leben wir hier in der Schweiz nicht schlecht. Geht man weiter südlicher, sieht es zum Teil wieder anders aus. Habt Ihr es jemals bereut, offen zu eurer Sexualität zu stehen? Schwickert: Nein. Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Feurer: Keine Sekunde! Im Gegenteil, ich bedaure es, dass ich so lange brauchte, bis ich mein Outing wagte.

N6mitz: Nie! Und mein Leben, gerade auch als reformierter Pfarrer, war speziell, In den 90er Jahren habe ich meine sexuelle Ausrichtung nicht an die grosse Glocke gehängt, 2007 habe ich dann meine Partnerschaft in der Kirche gefeiert, Das war übrigens das erste Mal, dass so etwas in einer Westschweizer Kirche passiert ist, Glaubt Ihr, dass das neue schwullesbische Trio Gays Mut gibt, zur eigenen Identität zu stehen? Schwickert: Das kann ich mir vorstellen. Mit allen Vorteilen. Sich selber zu sein, ist mit Erleichterung und einem enormen Freiheitsgewinn verbunden. Feurer: Ich denke schon. Gerade junge LGBT sind oft stark verunsichert. Positive Beispiele zu haben ist für eine gute, selbstbejahende Entwicklung förderlich.

Das schönste Kompliment für mich wäre, wenn mir jemand sagen würde, dass er mit seinem Coming-out meinem Beispiel gefolgt ist! Nemitz: Das kann schon helfen, mit Sicherheit, Das ist auch ein Ziel von mir, von uns, dass jeder so sein darf, wie er möchte. I POLITIKER UND GAY - GUT SO! «Ich bin schwul, und das ist gut so», sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, 59, im Jahr 2001. Auch der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle, 50, und der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe, 62, verstecken sich nicht, genauso wie die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch, 52, von der SP oder der Zürcher Stadtrat Andre Odermatt, SP. Auf Bundesebene sind es unter anderen SP-Ständerat Claude Janiak, 64 oder der Zürcher Nationalrat Martin Naef, SP. Landesweit bekannt sind auch der Berner Regierungsrat Bernhard Pulver, 47, von den Grünen, der Basler Grossrat Bruno Suter, oder der Zürcher Gemeinderat Martin Abele von den Grünen. Bei den Bürgerlichen sind es Hanspeter Portmann (Zürcher FDP-Kantonsrat), Jean-Frangois Roth (ehemals CVP-Regierungsrat JU), oder Thomas Fuchs von der SVP BE.

Der Urvater aller Gay-Politiker dürfte der 1978 in San Francisco ermordete Aktivist Harvey Milk sein. Er war der erste schwule Magistrat Kaliforniens und setzte einen Meilenstein in der homosexuellen Emanzipation. Gus van Sant verfilmte sein Leben 2008. Barbara Schwickert (48): Sicherheitsdirektorin, ist in Zürich aufgewachsen. Seit 2009 steht sie der Bieler Sicherheitsdirektion vor, zu der auch der Energieservice Biel gehört. Hier setzt sie sich für erneuerbare Energien ein.

Die Interessen der Stadt Biel und des Seelandes vertrat sie von 2006 bis 2008 im Grossen Rat des Kantons Bern. In diese Zeit fällt auch das Engagement als Co-Präsidentin der Grünen Kanton Bern, das sie nun als vollamtliche Bieler Gemeinclerätin abgibt. Barbara Schwickert lebt in einer eingetragenen Partnerschaft. Beat Feurer (52): Steuerexperte, Treuhänder und Immobilienverwalter, ist in Biel geboren. Er engagiert sich seit über 20 Jahren im Bereich der Flüchtlingshilfe. Ab 1984 war er zuerst beruflich und später in der Freizeit als Betreuer von Asylbewerbern tätig.

Seit 1990 wohnt Feurer mit Asylbewerbern aus Sri Lanka zusammen. Daraus ist eine Familie geworden mit drei Kindern. Das Zusammenleben und -wohnen gestaltet sich fast nach den Regeln asiatischer Grossfamilien. Beat Feurer lebt mit seinem Freund zusammen. Cedric Nemitz (45): Journalist und Theologe, in Biel geboren. SP Mitglied ist er seit jeher, die erste Kandidatur für eine Wahl fand 1994 statt.

Der Theologe war von 1994 bis 1999 Pfarrer in der Gemeinde Biel-Mett-Bözingen. Cedric Nemitz war Redaktor verschiedener religiöser Medien. Nemitz lebt mit seinem Freund in einer eingetragenen Partnerschaft.

 

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